Der Bildhauer, Kunstgewerbler und Maler Otto Lessing
Versuch einer kurzen Würdigung zum Leben und Schaffen eines Künstlers im Hochhistorismus unter Einbeziehung einer historischen biographischen Skizze aus dem Jahr 1944
Teil 2: Der Dekorationsmaler und Lessingbiograph Hans Koberstein.[30]
Hans Koberstein wurde am 3. Juli 1864 als erstes Kind von Otto Lessings Schwester Bertha (1844-1914) und Karl Koberstein (1836-1899) in Schulpforta geboren. Sein Vater, Sohn des Literaturhistorikers August Koberstein (1797-1870)[31], war Königlich Sächsischer Hofschauspieler in Dresden, wo auch Hans Geschwister Odilia Elisabeth (1867-1945), Käthe (1868-1943) und Fritz (1873 bis 1942) geboren wurden. Nach dem Gymnasium besuchte Hans Koberstein für drei Jahre die Dresdener Kunstakademie und wechselte Anfang 1886 nach Berlin, um dort im Atelier seines Onkels Lessing eine Ausbildung als Dekorationsmaler zu beginnen. Gleichzeitig besuchte er die Unterrichtsanstalt am Königlichen Kunstgewerbemuseum, wo ihn neben Lessing insbesondere Max Friedrich Koch (1859-1930)[32] zum Dekorations- und Historienmaler ausbildete. Lessing und Koch, letzterer seit 1889 mit Lessings Schwägerin Betsi Gude verheiratet, ließen Koberstein an eigenen Projekten mitarbeiten und übertrugen ihm bald selbständige Arbeiten. Erste größere Aufgaben waren 1886/87 die Mitarbeit an der dekorativen Ausstattung des von Hermann Ende (1829-1907) & Wilhelm Böckmann (1832-1902) entworfenen Erbprinzlichen Palais in der Cavalierstraße in Dessau (1927 abgebrochen) und der von Heinrich Kayser & Carl v. Groszheim entworfenen Kuppelhalle des Ausstellungspalastes am Lehrter Bahnhof in Berlin (zerstört)[33]. 1888 arbeitete Koberstein - teilweise nach Entwürfen von Johann Ernst Schaller (1841-1887) - mit Lessing, Koch und anderen an der Dekoration des von Adolph v. Heyden (1838-1902) neu entworfenen Speisezimmers der Kaiserlichen Wohnung im Berliner Stadtschloß (zerstört).[34] 1889 wurde Koberstein Mitglied im Verein Berliner Künstler[35], der Allgemeinen Deutschen Kunstgenossenschaft und des Berliner Kunstgewerbe-Vereins. 1890 machte er sich mit einem Atelier für Dekorative Malerei, Kunstgewerbe und Graphik in Berlin selbständig und heiratete 1895 Gisela Riegel, die ihm die Kinder Ruth (*1896), Hans Gotthold (1896-1944) und Annelise (*1902) gebar. Im Auftrag der Schüler der Akademie der Künste Berlin illustrierte Koberstein zum 9. Mai 1893 eine Glückwunschadresse anläßlich des 50sten Geburtstages des Akademiedirektors Anton von Werner (1843-1915), der mit einer Cousine Otto Lessings, Malvida Schroedter (1847-1901) verheiratet war.[36] In Zusammenarbeit mit den Schülern der Unterrichtsanstalt am Kunstgewerbemuseums schuf Koberstein ab 1899 unter der Leitung von Koch Wandmalereien für die von Friedrich Schulze (1843-1912) entworfenen Gebäude des Preußischen Landtages[37] und des Herrenhauses in Berlin.[38] 1906 wurde Koberstein mit einem Wandgemälde für das Verkehrs- und Baumuseum im ehemaligen Hamburger Bahnhof in Berlin beauftragt. Das heute zerstörte, die Errungenschaften der Technik und den menschlichen Erfindergeist thematisierende Gemälde, schmückte die südliche innere Giebelwand der großen Ausstellungshalle.[39]
Die Bildmitte nahm ein gewaltiges, gemaltes Denkmal ein, das eine Allegorie der Industrie vorstellte. Eine in grobe Arbeitskleidung gehüllte weibliche Figur stützte selbstbewußt einen Vorschlaghammer auf einen hinter ihr stehenden Amboß. Links und rechts dieses Technikmales waren Arbeiter, Planer und Wissenschaftler, beschäftigt mit ihrer Arbeit, wiedergegeben. Säulengeschmückte Architekturen und auch ein Zug mit unter Dampf stehender Lokomotive dienten als Hintergrundmotive. Weitere monumentale und figurenreiche Wandmalereien entstanden für das Landratsamt Meseritz (heute: Miedzyrzecz), Deckengemälde und Allegorien für die Kaufhäuser Wertheim (Berlin, zerstört) und Tietz (Hamburg, zerstört), das Kaiser-Friedrich-Museum (seit 1956 Bodemuseum; Malereien zerstört) und 1905/06 für das Schauspielhaus in Berlin[40]. Neben zahlreichen Plakatentwürfen, Buchillustrationen[41], Ex-Libris und Ehrenadressen entstanden Lithographien wie die "Friedrich der Große gründet Dörfer und Städte in Schlesien" betitelte. Ein 1908 entstandener Fächer mit Spitzenbesatz und einer gemalten olympischen Götterszene dürfte typisch für die kunstgewerblichen Arbeiten Kobersteins sein[42]. In Öl malte Koberstein genrehafte Historienbilder mit Titeln wie "Der verlorene Sohn"[43], "Letzte Schicht", "Der Schweinehirt", "1793"[44] und "Das Glück im Winkel". 1909 wurde ihm die Ausmalung der Görlitzer Volksbücherei übertragen.[45] Über die späteren Schaffensjahre ist wenig bekannt. 1944 verfasste Koberstein das Manuskript "Mein Onkel Otto". Parallel dazu verfasste Otto Lessings Tochter Ida Caren die Biographie ihres 1941 "gefallenen" Bruders Robert "Mein Bruder Otto Robert, genannt Bob", die eine weitere Informationsquelle zur Persönlichkeit Lessings darstellt.[46] Hans Koberstein verstarb am 24. Januar 1945 vermutlich in Berlin.
Der nachfolgende Text wurde vom Verfasser vorliegenden Beitrags für die 1994 fertiggestellte Werkmonographie zu Otto Lessing[47] erstmals transskribiert und für die 1994 erfolgte Publikation im Jahrbuch des Vereins für die Geschichte Berlins mit zahlreichen Anmerkungen versehen. Für die vorliegende Überarbeitung des Textes wurden die in der Zwischenzeit erarbeiten neuen Erkenntnisse eingefügt.
Adresse des Autors:
Dr. Jörg Kuhn
Salzburger Straße 6
D-10825 Berlin![]()
[30] Siehe: Ulrich Thieme/Felix Becker (Hg.), Allgemeines Künstlerlexikon, Hg. von Hans Vollmer, Bd. 21 (1927), S. 60 f..
[31] Neue Deutsche Biographie, Hg. von der Historischen Kommission bei der bayrischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 12 (1980), S. 246 f. (Elisabeth Frenzel).
[32] Koch, der 1875 Schüler der Unterrichtsanstalt gewesen war, wurde 1883 zum Nachfolger seines nach Rom gegangenen Lehrers Prof. Moritz Meurer (1839-1916) an der Unterrichtsanstalt am Kunstgewerbemuseum.
[33] Architektonische Details, Bd. 1 (1894), Tafel 8. Das Kuppelgemälde wurde von Woldemar Friedrich (1846-1910), die architektonische Illusionsmalerei von Max Thiele geschaffen. Koberstein malte die Voutenbilder. Die Figuren in Hochrelief und die plastischen Ornamente modellierte Otto Lessing.
[34] Berlin und seine Bauten, 1896, Bd. II., S. 12.![]()
[35] Die Mitgliedschaft bestand bis 1939. Vgl. Ausst. Kat. Verein Berliner Künstler. Versuch einer Bestandsaufnahme von 1841 bis zur Gegenwart, Berlin 1991, S. 204.
[36] Ausstellungskatalog "Anton von Werner. Geschichte in Bildern", Berlin (DHM/Berlin Museum) 1993, S. 214, Nr. 89.
[37] 1993 als Berliner Abgeordnetenhaus wiedereröffnet.
[38] Die Gebäude wurden im 2. Weltkrieg stark beschädigt. Die Malereien sind zerstört. Eine Abbildung mit einer Arbeit Kobersteins für ein Portal des Plenarsaalvorraums des Landtagsbaues bringt das Zentralblatt der Bauverwaltung, 19, 1899, S. 39.
[39] Holger Steinle, Der Hamburger Bahnhof: Geschichte und Gegenwart, Berlin 1987, S. 29 mit Abb..
[40] Das 1821 eröffnete Schinkelsche Schauspielhaus wurde 1905/06 nach Plänen von Felix Genzmer umgebaut und u.a. von Otto Lessing und Koberstein neu ausgestaltet. Teilweise wurden diese Werke 1935 beim Umbau durch Hans Grube beseitigt, das Verbliebene im 2. Weltkrieg völlig zerstört.
[41] Unter anderem schuf Koberstein Titelillustrationen der Zeitschrift "Moderne Kunst", die in Berlin von Richard Bong herausgegeben wurde (So für den 27. Jahrg. 1913/14, Heft 8).
[42] Abbildung in Moderne Kunst, 23, 1908/09, Heft 4, S. 82.
[43] Vgl. Moderne Kunst, 26, 1912/13, Bd. 2, Heft 3, S. 285.
[44] Moderne Kunst, 17, 1902/03, Heft 14 (Zick-Zack LXXVII).![]()
[45] Teil der 1912 vollendeten Stadthalle an der "Straße der Freundschaft".
[46] Handschriftliches Manuskript im Familienbesitz Lessing.
[47] Ich danke meiner Kollegin Dr. Susanne Kähler, Berlin, für die hilfreiche Unterstützung bei der Transskription.
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