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 Michael Zajonz: Die jüdischen Baumeister Berlins, in: Der Tagesspiegel, 16.9.2003
 Nikolaus Bernau: Auf dieses Netzwerk können sie bauen. Entwarfen jüdische Architekten anders als
  nichtjüdische?, in: Berliner Zeitung, 18.9.2003



Michael Zajonz
Die jüdischen Baumeister Berlins: Eine Tagung an der FU sucht Verbindungen zwischen Beruf und Berufung
Tagesspiegel, 16.9.2003 
Als Luise Mendelsohn am Morgen des 31. März 1933 erwacht, wird ihr endgültig klar, dass sie Deutschland so schnell wie möglich verlassen muss. Vor dem Haus am Rupenhorn, das ihr Mann, der bekannte Architekt Erich Mendelsohn, vor wenigen Jahren gebaut hatte, skandiert eine Klasse von Grundschülern antisemitische Parolen. Ihr geliebtes Instrument hat die ausgebildete Cellistin bereits bei einer Freundin in der Schweiz deponiert. Den Mendelsohns gelingt es noch am selben Tag, aus Berlin zu flüchten. Ihr Exil führt das Paar über Amsterdam nach Großbritannien, Palästina und schließlich ab 1941 in die USA.

Im renommierten »Hatje-Lexikon der Architektur des 20. Jahrhunderts« heißt es über das dort entstandene Werk des Architekten lapidar: »Mendelsohn erreichte nach seiner Emigration aus Deutschland die Originalität seiner frühen Arbeiten nicht mehr.« Selbst dem, der diese stereotype Einschätzung nicht teilen mag, drängen sich Fragen auf: etwa nach den verlorenen soziokulturellen Milieus; oder nach dem baukünstlerischen Äquivalent einer - wie auch immer gearteten - jüdischen Identität. Anders gefragt: Lassen sich Religion, Weltanschauung und familiäre Tradition eines Architekten in seinem Werk erkennen? Oder reagiert Bauen vorrangig auf Pragmatisches?

»Architektur und Assimilation. Die jüdischen Baumeister Berlins«: Die so getitelte Tagung der Freien Universität Berlin suchte deutsch-jüdische Architektenbiografien des 19. und 20. Jahrhunderts mit kunstwissenschaftlichen Methoden zu systematisieren. Doch selbst die besonders oft in die Emigration gezwungene Generation der zwischen 1880 und 1890 Geborenen lässt sich auf keinen gemeinsamen Nenner bringen.
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Damit war die von Harold Hammer-Schenk (Berlin), Sylvia Claus (Zürich) und Ulrich Maximilian Schumann (Karlsruhe) erdachte Fragestellung jedoch keineswegs gescheitert. Am Einzelbeispiel konnte anschaulich nachvollzogen werden, was die Geschichtswissenschaft für andere Berufsgruppen schon längst nachgewiesen hat. Steffi Jersch-Wenzel (Berlin) verwies darauf, dass preußische Juden infolge der Stein-Hardenbergschen Reformen nominell zwar den christlichen Bevölkerungsgruppen vergleichbare Berufschancen besaßen. Faktisch wirkten aber gerade in den für Akademiker wichtigen Bereichen von Verwaltung und Universität bis weit ins 19. Jahrhundert antijüdische Netzwerke der Verhinderung.

Oliver Sander (Koblenz) stellte Salomo Sachs vor, den ersten ordentlich vereidigten preußischen Baubeamten jüdischen Glaubens. Sachs brachte es bis 1809 zum Mitglied des Oberhofbauamts und zum Dozenten an der Bauakademie. Gegenüber König Friedrich Wilhelm III. klagte er: »Ich büße für meinen Glauben!« War das nun Sachsens Dichtung oder antisemitisch motivierte Wahrheit? Denn er war streitlustig. Von devoter Dankbarkeit jedenfalls keine Spur.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts in saturierte bürgerliche Verhältnisse hineingeborene Baumeister wie der von Wilhelm II. verehrte Alfred Messel oder Richard Wolffenstein sahen ihre Herausforderung im Privatbau. Die Bürogemeinschaft Cremer & Wolffenstein gehört zu den produktivsten Architekturfirmen der jungen Reichshauptstadt. Isabel Haupt (Zürich) bewertete gerade die Verbindung eines weltläufig urbanen Berliner Juden mit einem rheinischen Katholiken als Erfolgsmodell: Das Büro baute sowohl Kirchen als auch Synagogen. 
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Mehr oder weniger assimiliert erscheinen die meisten der vorgestellten Architekten, Baubeamten und Architekturkritiker - zuweilen auch überassimiliert. Der Publizist und Ministerialbeamte Walter Curt Behrendt propagierte zwischen 1907 und 1933 unermüdlich den »Sieg des neuen Baustils« - so der Titel seines Buches zur Stuttgarter Weißenhof-Ausstellung 1927. Doch dieser, so betonte Kai Gutschow (Pittsburgh), sei für Behrendt noch in den Zwanzigerjahren nicht Folge zunehmender künstlerischer Internationalisierung, sondern Signum der überlegenen deutschen (Kultur-)Nation gewesen.

Die jüdischen Baumeister Berlins - der Sammelbegriff bleibt zwangsläufig ungenau. Sicher engagierten sich etliche von ihnen im liberalen »Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens«, jüngere auch in der zionistischen Bewegung. Und fraglos lassen sich private Netzwerke ausmachen. Regina Stephan (Darmstadt) verdeutlichte minutiös, wie stark sich Mendelsohns wohlhabende jüdische Klientel bis in seine Tätigkeit in Eretz Israel hinein aus dem Reservoir eines Salons rekrutierte. Doch auch katholische oder sozialistische Architekten pflegten ihre Kreise. Der Literaturwissenschaftler Gert Mattenklott (Berlin) brachte das Dilemma auf den Punkt: »Das Jüdische ist im 20. Jahrhundert nicht die Erfindung eines Stereotyps gewesen, sondern hat eine sehr präzise Geschichte geschrieben.« Gemeinschaft als erzwungene Option: Viele Berliner Architekten jüdischer Herkunft teilten bereits im April 1933 die Erfahrung der Emigration.
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Nikolaus Bernau
Auf dieses Netzwerk können sie bauen. Entwarfen jüdische Architekten anders als nichtjüdische? Ein Symposium
Berliner Zeitung, 18.9.2003 
Deutsche Architekturgeschichte wurde ganz wesentlich auch von Juden geprägt. Denn, wie Steffi Jersch-Wenzel (Berlin) auf einem Symposium der Freien Universität über »Die jüdischen Baumeister Berlins« zeigte: Seit der Gewerbefreiheit 1811 wandten sich Juden auch dem Architektenberuf zu. Die Berliner Börse Friedrich Hitzigs, Cremer & Wolffensteins Synagogen, die Theater Richard Kaufmanns, das Kaufhaus Wertheim von Alfred Messel, die Schocken-Kaufhäuser von Erich Mendelsohn, die Siedlungen Erwin Gutkinds sind nur einige der berühmtesten Namen. 
Obwohl sich diese Architekten keinesfalls immer als Juden definierten, stellt sich doch die Frage, ob es etwas gibt - intellektuelle Offenheit, Sensibilität oder sogar eine besondere Formenwelt - das aus ihnen allen »jüdische« Baumeister macht. Zunächst einmal wurde bei der Tagung eine riesige Forschungslücke sichtbar. Für den als Genie gefeierten Messel etwa fehlte zunächst selbst das Datum der Konversion (1899), wie Robert Habel (Berlin) feststellte. Völlig unbekannt sind Kräfte wie »der erste jüdische Baubeamte Preußens« Isaak Itzig, der 1790 den Bau der Potsdamer Chaussee betreute, und der ebenfalls von Oliver Sander (Koblenz) vorgestellte Salomo Sachs. Dieser arbeitete seit 1799 im Staatsdienst, wurde 1830 von der antisemitischen Bürokratie verdrängt. War er, wie es damals hieß, so streitsüchtig, weil er um seine Zukunft kämpfen musste, oder war die gefährdet, weil er »schwierig« war? 

Offenbar arbeiteten Juden in der Kaiserzeit vor allem in Privatbüros. Ob dies ein besonderer Weg oder dem liberalen Zeitgeist geschuldet war - da soziologische Untersuchungen noch fehlen, musste man sich mit Vermutungen behelfen. Sicherlich aber bauten Jungarchitekten wie Messel oder Breslauer & Salinger ihre Karriere auf intensiv gepflegte soziale Netzwerke auf. Manchmal überstanden diese sogar die Emigration, wie Regina Stephan (Darmstadt) für Erich Mendelsohn und dem Kaufhausbesitzer Solomon Schocken nachwies. Isabel Haupt (Zürich) zeigte dann jedoch am Beispiel des gemischtkonfessionellen Büros Cremer & Wolffenstein, die katholische wie jüdische Auftraggeber erfolgreich bedienten: Netzwerke sind meist Vorbedingung für die teure Baukunst, keinesfalls aber spezifisch »jüdisch«. 
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Deutlich wurde eine gewisse Zuneigung vieler Architekten zur sozialen Frage und zur konservativ verankerten Reform. Aber auch darin unterschieden sich jüdische kaum von nichtjüdischen Architekten - kaum verwunderlich, wo doch der Literaturhistoriker Gert Mattenklott (Berlin) nicht einmal bei den Flaneuren Franz Hessel, Siegfried Krakauer oder Walter Benjamin eine spezifisch jüdische Sicht auf die Großstadt finden konnte. Die von Claudia Marcy (Berlin) gezeigten Fabrikbauten Martin Punitzers sind so Mainstream wie Breslauer & Salingers Villen, die denen der späteren Nazis Schmidthenner oder Schulze-Naumburg gleichen.

Der Versuch von Ulrich Schumann (Karlsruhe), eine jüdische Wurzel der Klassikbegeisterung von Breslauer zu rekonstruieren, blieb nur anregend. Schließlich hatte nach Kai Gutschow (Pittsburgh) selbst der Erfinder des Begriffs »Internationaler Stil«, Walter Curt Behrendt, lange vor allem eines im Sinne gehabt: eine deutsch geprägte Moderne. Das einst anti- und heute philosemitische Klischee von den avantgardefreundlichen und linken Juden, das noch Klemens Klemmer 1998 in »Jüdische Baumeister in Deutschland« kolportierte, muss aufgegeben werden und stattdessen durch die Frage Mattenklotts ersetzt werden: »Wie sind die als Juden bezeichneten Menschen mit dem Jüdischsein umgegangen?«

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