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Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann - mit freundlicher Genehmigung von www.beyars.com
Historismus , von lat. historia, "Kenntnis", "Geschichte", in der Kunst Sammelbez. für die im 19. Jh. übliche Nachahmung früherer Stile. Das Kopieren alter Gestaltungsformen war bereits in der Antike üblich, so gab es im antiken Rom beispielsweise
Spezialisten, die sich auf das Kopieren griech. Bildwerke und Architekturformen verlegt hatten. Auch in der Renaissance und im Klassizismus überwiegen historisierende Formen. Im engeren Sinn werden aber nur die eklektizistischen Stilformen des 19. Jh. als H. bezeichnet (*
Eklektizismus). Grundsätzlich kann es sich beim H. um die "Neuauflage" eines einzelnen Stils handeln, von P. H. Feist als "monostiliger" H. bezeichnet, oder um einen sogen.
"pluralistischen" H., wenn mehrere alte Stilrichtungen zu einem Mischstil vereint sind. Der H. beginnt mit den 1820-1850 in Frankreich wieder auflebenden Rokokoformen, dem sogen. * Neorokoko,
Neurokoko oder Zweiten Rokoko. Da diese Kunstepoche in Frankreich unter der Regierungszeit des Bürgerkönigs Louis-Philippe (1830- 1848) en vogue war, wird sie in Frankreich auch * Louis-Philippe-Stil
genannt. Bei den * Viktorianischen Stilen in England (1837-1901) handelt es sich gleichfalls um historisierende Strömungen. Die in England bereits um 1750 beginnende Wiederbesinnung auf die Gotik in Form der Neu- oder * Neogotik
war in den 1840er Jahren in fast ganz Europa modern. Im dt.sprachigen Raum löste der H. gegen 1845 das * Biedermeier ab. In der 2. Hälfte 19. Jh. wurden Stilelemente des * Empire,
der * Gotik, der * Renaissance und des * Barock
neu entdeckt und verwendet. Bezeichnet werden die neuen Stile durch Voranstellen der Wörter oder Partikeln Zweites .., Neu- oder Neo-, z. B. Zweites Empire, Neugotik, Neorenaissance etc. Die Entstehung der historisierenden Stile wurde durch die Franz. Revolution, durch die der Adel
seine Vormachtstellung verlor, eingeleitet. Begünstigt wurde die Entwicklung des H. u. a. durch die Industrialisierung, den Aufschwung der Handelstätigkeit und die damit verbundene Kapitalanhäufung bei der * Bourgeoisie.
Das früher vom Herrscherhaus und vom Adel getragene, zeitlich und regional mehr oder weniger homogene Kunstmandat splitterte sich auf, und es bildete sich ein bürgerliches Mäzenatentum. Wer auch immer über die nötigen Mittel verfügte, ließ nach seinen eigenen oder den
Vorstellungen frei agierender Künstler und Architekten, in Anlehnung an repräsentative Vorbilder der Vergangenheit, Häuser bauen und einrichten. Im dt.sprachigen Raum entstand in der 2. Hälfte 19. Jh. bei Möbeln ein Mischstil, der sich aus Elementen der Gotik, der Renaissance und
des Barock zusammensetzt und als * Altdeutscher Stil bezeichnet wird. Beim österr. Bürgertum erfreute sich, in Verbindung mit dem Interieur, der Innenausstattung der Räume, der sogen. * Makart-Stil großer Beliebtheit. Der H. war nicht zuletzt Ausdruck der in den einzelnen Ländern
unterschiedlich stark ausgeprägten und zeitlich versetzten Besinnung auf die eigene nationalgeschichtliche Bedeutung, die Geschichte wurde zum beherrschenden Thema des H. Aus ebendieser Gesinnung heraus wurden historische Bauten restauriert und historische Stile neu belebt. In Bürgerhäusern
war der Wunsch, mittels prunkvoll bis überladen verzierter, wuchtiger Möbel die sogen. gutbürgerliche Lebensweise zu demonstrieren, so verbreitet, daß sich der den H. 1885/90 ablösende Jugendstil nur schwer durchsetzte. Die Bez. H. fand in den 1930er Jahren Eingang in die
Fachliteratur.
F. HAACK, Die Kunst des XIX. Jh., in: W. Lübkes Grundriß der Kunstgesch., Bd. V., Esslingen 1914; A. MATTHAEI, Dt. Baukunst im 19. Jh., Leipzig, Berlin 1914; F. MEINECKE, Die Entstehung des H., 3 Bde., München 1959; H. G. EVERS, Vom Historismus zum Funktionalismus, Baden-Baden 1967; W. GÖTZ, Der H., ein Versuch zur Definition des Begriffes, in: Zeitschr. für Kunstwissenschaft, 1970; B. MUNDT, H., Kunsthandwerk u. Industrie im Zeitalter der Weltausstellungen, Kat. Bd. VII, Kunstgewerbemus., Berlin 1973; W. HAGER, N. KNOPP (Hg.), Beitr. zum Problem des Stilpluralismus, in: Studien zur Kunst des 19. Jh., Bd. 38, München 1977; B. MUNDT, H. Kunstgewerbe zwischen Biedermeier und Jugendstil, München 1981; K.-H. KLINGENBURG (Hg.) H. - Aspekte zur Kunst im 19. Jh., Leipzig 1985; V. W. HAMMERSCHMIDT, Anspruch und Ausdruck in der Architektur des späten H. in Dtl. (1860-1914), Diss. Frankfurt/M. 1985; E. B. OTTILLINGER, Wiener Möbel des H., Diss. Wien 1986.
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Aeiou - Kulturinformationssystem des
Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Österreich
Chronologische Unterscheidung nach Renate Wagner-Rieger in romantischen (Beginn 2. Hälfte des 18. Jh. mit den revolutionsklassizistisch geprägten Bauten I. Canevales ), strengen und
den Spät-Historismus.
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Brockhaus. Die Enzyklopädie in 24 Bänden. Studienausgabe. 20., überarbeitete und aktualisierte Auflage, Leipzig 2001, Bd. 10, S. 119
»Historismus in der Kunstgeschichte: der Rückgriff auf historische Stile, v.a. in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Historismus wurde bis in die 1960er Jahre weitgehend negativ beurteilt, indem man ihm Eklektizismus und Mangel an Originalität vorwarf. Hingegen sieht die heutige Forschung im Stilpluralismus des Historismus den Versuch, im Zeitalter des Positivismus Geschichte zu bewahren und das durch die Romantik geweckte Geschichtsbewusstsein in Architektur und Kunst Gestalt werden zu lassen. [...]«
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Nikolaus Pevsner:
»Historismus ist die Haltung, in der die Betrachtung und die Benutzung der Geschichte wesentlicher ist als die Entdeckung und Entwicklung neuer Systeme oder neuer Formen der eigenen
Zeit.« (1963)
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Aby Warburg:
»In der mnemischen Funktion [des Historismus] trifft das Wunder der Konstanz mit dem ebensogrossen Wunder der Wandlung zusammen… Der Historismus steht heute nicht hoch im Kurs: le culte de l’incompétence und die Verehrung der leiblichen Gegebenheit als Bürgschaft seelischer Qualitäten haben das Wort.« (1928), in: Erwin Panofsky, Hercules am Scheideweg, Reprint Gebr. Mann-Verlag hrsg. Dieter Wuttke, Berlin o.J (1997) im Anhang mit Kommentar des Herausgebers, S.25-26
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Getty-Foundation - Art & Architecture Thesaurus (AAT):
»General theory that emphasizes the importance of history as a standard of or as a determinant of events. Also refers specifically to the self-conscious revival of or reliance upon historical styles in art and architecture.«
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letzte Aktualisierung: 27. Juli 2005 (mit Dank an Michael Venator)